Energiewirtschaftliches Institut an der Universität zu Köln gGmbH

Nord Stream 2 dämpft Gaspreise in Europa

Nord Stream 2 dämpft Gaspreise in Europa

20. April 2020 | Der Betrieb der Pipeline Nord Stream 2 würde die Erdgaspreise für Verbraucher*innen in Europa senken. Das zeigen die Ergebnisse einer ökonomischen Modellsimulation, des EWI. Außerdem wird deutlich, dass auch die Route über die Ukraine maßgeblich zu niedrigeren Erdgaspreisen in Europa beiträgt und deshalb mittelfristig für Europa sehr wichtig ist.

Die Analysen sind Teil eines Gutachtens, welches das Beratungsunternehmen Frontier Economics im Auftrag der Nord Stream 2 AG erstellt hat. Die wichtigsten Erkenntnisse des Gutachtens veröffentlichen Frontier Economics und das EWI nun in einem Kurzbericht.

Ukraine bleibt auch mit Nord Stream 2 wichtige Transitroute für russisches Gas

Dr. Simon Schulte, Max Schönfisch und David Schlund (alle EWI) haben die ökonomischen Effekte der Pipeline Nord Stream 2 mithilfe des europäischen Gasinfrastrukturmodells TIGER des EWI untersucht. Hierfür definierten sie u.a. zwei Szenarien und simulierten diese jeweils für die Stichjahre 2021, 2030 und 2040. Im Basisszenario verfügt die Pipeline, die bis Ende 2020 fertig gestellt sein soll, über eine Kapazität von 57 Milliarden Kubikmeter pro Jahr. Im sogenannten kontrafaktischen Szenario steht diese Kapazität nicht zur Verfügung. Gastransitkapazitäten durch die Ukraine werden jeweils über eine Sensitivität verändert und sind daher entweder uneingeschränkt möglich (max. 120 Milliarden Kubikmeter pro Jahr) oder auf 30 Milliarden Kubikmeter pro Jahr limitiert.

Die Ergebnisse der Simulation zeigen, dass Nord Stream 2 das Gasangebot in Europa erhöht und somit die Preise für den europäischen Konsumenten reduziert. Im Basisszenario, in dem Nord-Stream 2 verfügbar ist, fließen zudem auch im Jahr 2030 noch mehr als 50 Milliarden Kubikmeter russisches Gas pro Jahr über die Ukraine in die EU, sofern deren Transitkapazitäten nicht limitiert sind. Auch wenn die Mengen im Vergleich zur Vergangenheit in den untersuchten Stichjahren zurückgehen, so spielt die Transitroute weiterhin eine wichtige Rolle. Dies liegt auch daran, dass innerhalb von Europa weniger Gas gefördert wird. „Die Route über die Ukraine gibt den Marktteilnehmenden zusätzlich Flexibilität“, erklärt Dr. Simon Schulte, Manager und Leiter Gasmärkte am EWI. „Über sie können insbesondere im Falle einer steigenden Nachfrage zusätzliche Gasmengen aus Russland in die EU importiert werden.“

Zudem zeigt die Simulation, dass die Erdgaspreise in vielen EU-Ländern steigen würden, wenn die ukrainische Transitroute (auf 30 Milliarden Kubikmeter pro Jahr) limitiert würde. In diesem Fall müsste mehr LNG importiert werden. Somit tragen nicht nur Nord Stream 2, sondern auch ausreichende ukrainische Transitkapazitäten zu einer kostengünstigeren Versorgung der EU mit Erdgas bei.

Preisdifferenzen im Referenzfall in 2030 (Szenario ohne NSP2 minus Szenario mit NSP2)

Auch Osteuropa profitiert von Nord Stream 2

Die Modellergebnisse zeigen außerdem, dass die Nutzung von Nord Stream 2 einen preisdämpfenden Effekt auf den gesamten europäischen Gasmarkt hätte. „Das liegt daran, dass LNG-Importe in der Regel teurer sind als Pipeline-Importe aus Russland“, sagt Dr. Schulte. „Dadurch würden nicht nur die Länder, die direkt an die Pipeline angeschlossen sind, von ihr profitieren, sondern auch benachbarte Länder.“ Das funktioniere indirekt über Weiterleitungen der Gasimporte. Hierzu zählt insbesondere Polen: Bei einer Nutzung von Nord Stream 2 würde der durchschnittliche, mengengewichtete Gaspreis in Polen im Jahr 2030 ca. 5 Prozent unter dem Gaspreis liegen, der sich ohne die zusätzliche Bezugsroute einstellen würde. Somit profitiert Polen in ähnlichem Umfang von Nord Stream 2 wie Deutschland, die Niederlande oder Dänemark.

Aber auch in den anderen Visegrád-Staaten und im Baltikum würden die Gaspreise durch eine Nutzung der neuen Ostseepipeline sinken, wenn auch naturgemäß etwas geringer als in Ländern in unmittelbarer Nähe. Die Modellrechnungen zeigen außerdem, dass es in diesem Szenariovergleich kein EU-Land gibt, in dem die Preise steigen würden. Die Abbildung zeigt die relative Preisdifferenz je Land zwischen dem kontrafaktischen Szenario (ohne Nord Stream 2) und dem Basisszenario (mit Nord Stream 2) für das Jahr 2030.

Die Modellergebnisse des EWI sind in Kapitel 4.3 des Reports zusammengefasst. Der Kurzbericht steht auch in englischer Sprache zum Download zur Verfügung.